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«Mediation ist der Sinn des Lebens.» Olga Tsiptse erzählt uns, wie Mediation unser Leben besser macht

1. Dezember 2022

Olga Tsiptse, LL.M., ist zertifizierte Mediatorin beim International Mediation Institute. Sie ist Anwältin am Obersten Gerichtshof Griechenlands und Expertin für DSGVO/DSB. Nächste Woche wird sie im Rahmen des SCLA-GIDI International Mediator Leadership Training Programme in Chengdu eine Masterclass darüber halten, wie man wie ein hochkarätiger Mediator denkt und handelt. Wir hatten das Glück, mit ihr zu sprechen, um einen ersten Einblick in ihr Wissen zu erhalten.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, mit Ihnen zu sprechen, Frau Tsiptse. Können Sie sich und Ihren Weg zur Mediation vorstellen?

Olga Tsiptse: Es ist mir eine Ehre, hier zu sein. Ich freue mich über die Gelegenheit, diesen Kurs gemeinsam mit SCLA und GIDI und so vielen geschätzten Kolleginnen und Kollegen zu unterrichten. Ich bin Juristin (LL.M.) am Obersten Gerichtshof Griechenlands sowie akkreditierte Mediatorin und Schiedsrichterin beim Justizministerium. Ausserdem habe ich mich mit der DSGVO-Datenschutzverordnung befasst – was mein Fachgebiet ist.

Mein Weg zur Mediation ist eine Reise des Lebens. Mediation ist der Sinn des Lebens. Wir haben den Kontakt zu anderen Menschen verloren und unsere grundlegende Fähigkeit eingebüsst, menschlich zu sein; wir kommunizieren, aber wir hören die anderen nicht. Mediation ist für uns also eine Erinnerung daran, wieder an andere zu denken und ihnen zuzuhören. Das ist mir 2015 passiert, als ich mich zum ersten Mal mit Mediation befasste. Als ich mehr über Mediation lernte, erlebte ich ein Wunder – etwas in mir veränderte sich, und es war das Wundervollste überhaupt, weil ich anfing, über andere Menschen und ihre Denkweisen, Stimmungen, Interessen und Bedürfnisse nachzudenken. Für mich ist Mediation Leben. Und ich denke, das Leben ist sehr, sehr gut, wenn wir andere Menschen in unserem Leben haben, mit denen wir Gefühle, Gedanken und Erfahrungen austauschen können.

Sie haben erwähnt, dass es bei der Mediation zentral ist, Dinge aus der Perspektive einer anderen Person zu sehen. Würden Sie das als Empathie bezeichnen, und wie eignen Sie sich solche Fähigkeiten an?

OT: Betrachten wir zunächst die Definition von Empathie. Ich mag keine Definitionen, denn wenn wir leben, denken wir nicht über Definitionen nach; wir leben einfach, wir fühlen einfach, wir denken einfach. Aber ich denke, Empathie muss von anderen Begriffen wie Sympathie oder Vergleich unterschieden werden. Empathie ist die Fähigkeit, das Denken oder die Gefühle von jemandem zu erkennen, um mit einer angemessenen Emotion darauf zu reagieren. Wir müssen uns vorstellen, was eine andere Person fühlt und denkt – ihre Denkweise, ihren geistigen Zustand und ihre Vergangenheit. Das ist eine sehr komplizierte Sache. Aber sie ist eng mit unserem Leben verbunden, obwohl wir sie in Zeiten von Schnelligkeit und Technologie vergessen haben. Wir denken nicht darüber nach, wie sich eine Person fühlt oder was sie denkt. Empathie ist eine Erinnerung daran, dass wir Menschen sind und keine Maschinen.

Ich merke, dass Sie jemand sind, der die Perspektive anderer Menschen verstehen möchte. Wie setzen Sie Empathie bei Streitbeilegungsverfahren oder im internationalen Kontext ein?

OT: Zunächst müssen wir zwischen aussergerichtlicher Streitbeilegung und Gerichtsverfahren unterscheiden. In Gerichtsverfahren können wir leider keinerlei Emotionen zeigen. Aber die Mediation oder andere Verfahren (ausser der Schiedsgerichtsbarkeit) sind ideal für Empathie.

Wenn Sie nicht wissen, wie man Empathie für jemanden oder etwas empfindet, gibt es Tipps und Techniken, mit denen Sie diese Fähigkeit üben können – jeder von uns kann sie lernen und stärken. Zunächst müssen wir anfangen, einander zuzuhören, ohne schon über unsere eigene Antwort auf das Gesagte nachzudenken. Ich möchte der sprechenden Person zuhören, nicht nur daran denken, was ich als Nächstes sagen werde, sondern auch die Ausdrücke im Gesicht oder im Körper wahrnehmen. Wir müssen auf all diese Bewegungen achten – Körpersprache, Mimik; sie alle sind für die Kommunikation sehr wichtig. Hören Sie zu, ohne zu unterbrechen und ohne an andere Dinge zu denken.

Wir müssen uns in die Lage der Menschen versetzen, mit denen wir sprechen. Wenn jemand sehr wütend ist, was ist der Grund für seine Wut? Niemand ist von Geburt an wütend; niemand ist wegen seiner Persönlichkeit wütend. Ich denke, Menschen können wegen vieler Dinge wütend sein, die in ihrem Leben passiert sind.

Dann gibt es natürlich noch viele weitere Tipps, die ich in meiner Session mit den Teilnehmenden des Schulungsprogramms teilen werde!

Sie haben angedeutet, dass man sich kultureller Unterschiede bewusst sein muss. Welche Ansätze helfen dabei, die Empathie bei Treffen über kulturelle Grenzen hinweg zu steigern?

OT: Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, aber es gibt auch grundlegende Themen, die der gesamten Menschheit gemeinsam sind. Wir beginnen also bei dem, was wir gemeinsam haben, und bauen Schulungen auf, die unsere persönliche Bildung betreffen. Der Fokus muss auf der Erforschung des Hintergrunds einer Person liegen. Menschen, die zum Beispiel in China leben, sind sehr freundlich, haben einen religiösen Hintergrund und einige sehr starke Prinzipien in ihrem Leben. Es sind gebildete und fleissige Menschen. Wir müssen uns also auf diese Dinge konzentrieren, um all diese Menschen zu verstehen und zu wissen, wie wir kommunizieren können. Es gibt Unterschiede zwischen Menschen, die in China leben, und solchen an anderen Orten wie Brasilien, Indien oder Europa, aber es gibt auch viele Unterschiede zwischen Menschen aus Europa.

Ich glaube nicht, dass es uns kümmern muss, ob Menschen andere Perspektiven haben; wir müssen unsere Bildung so ausrichten, dass wir anfangen, über die Bedürfnisse der anderen Person nachzudenken. Das ist gut für uns, denn indem wir etwas über andere Nationen und Länder lernen, können wir uns selbst besser verstehen und mehr Optionen und Perspektiven sehen. Es ist wie ein Bumerang, aber nicht im negativen Sinne: Was man gibt, bekommt man auf noch bessere Weise zurück. Ich denke, dass die Unterschiede tatsächlich beseitigt werden können und was bleibt, ein besseres Verständnis der Menschlichkeit sein wird, denn Menschlichkeit ist das, was die ganze Welt gemeinsam hat. Etwas über andere Menschen zu lernen, macht auch mich zu einem besseren Menschen.

Wie vermittelt das SCLA-GIDI-Schulungsprogramm den Kolleginnen und Kollegen diese Art von Empathie?

OT: Empathie ist etwas sehr Grundlegendes für die Mediation insgesamt. Die Institution der Mediation basiert auf bestimmten Prinzipien – einige sind typische verfahrensrechtliche Prinzipien, aber andere bilden den Kern der Mediation. Was wäre ein Mediator oder eine Mediatorin, wenn er oder sie keine Empathie für die Parteien empfinden kann? Was würden die Parteien erreichen, wenn sie keinen Zugang zu dieser Denkweise finden? Ohne diese Kernkompetenz würde die Mediation also sehr bald zum Stillstand kommen, weil wir keinen Zugang zu den Gefühlen, Bedürfnissen und Interessen des anderen finden.

Empathie ist für mich der Kern von allem. Wenn ich mich mit Parteien zu Einzelgesprächen treffen, spiele ich gerne Advocatus Diaboli und frage sie: «Was haben Sie nach diesem Streitbeilegungstreffen über sich selbst gedacht?» oder «Was halten Sie davon, die andere Partei in Ihrem Leben zu haben? Werden Sie anfangen, mit ihm oder ihr zu kommunizieren?» Ich möchte sehen, ob sie über diese Stereotypen hinausdenken, die sie in ihren Köpfen geschaffen haben. Wenn sie keine Empathie praktizieren und nicht nachempfinden können, wie es ist, in den Schuhen eines anderen zu stecken, kann der Prozess meiner Meinung nach nicht fortgesetzt werden. Die Teilnehmenden des SCLA-GIDI-Kurses müssen dies wirklich verinnerlichen und für sich selbst spüren, denn wenn sie das nicht können, werden sie in anderen Situationen nicht darüber nachdenken.

Ich habe neulich mit meiner Schwester gesprochen und gesagt, dass die Menschen heutzutage immer so in Eile sind – sie haben wirklich für nichts Zeit. Ich sagte: «Wie sollen wir so ein Leben führen?» Denn wenn die Leute eine Tür sehen, denken sie nur daran, hindurchzueilen, und schauen nicht, ob da noch jemand ist, der es ebenfalls eilig hat, das Gebäude zu verlassen. Ich warte immer darauf, dass die Person, die durch die Tür hereinkommt, zuerst eintritt, weil ich denke, dass sie einen besseren Grund zur Eile hat als ich. Das ist ein ganz grundlegendes Element – zu sehen, wie man an den anderen denken kann. Kleine Dinge in unserem täglichen Leben können verändert werden, wenn wir anfangen, über Empathie nachzudenken.

Vielen Dank für Ihre Zeit, Olga! Das war ein grossartiges Gespräch, und Sie haben wirklich Gedanken angestossen, die Juristinnen und Juristen öfter bedenken sollten.

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