«Ich habe sie verurteilt, weil ich die Musik nicht verstanden habe», erklärt Godson Ugochukwu, wie Mediation kulturelle Vorurteile überwindet
12. November 2022
Godson Ugochukwu FCIArb. ist Partner bei Fortress Solicitors in Lagos, Nigeria, und Verwaltungsratspräsident von Guinea Insurance Plc. Er wird im November 2022 als Senior Advocate of Nigeria vereidigt. Beim bevorstehenden International Mediator Leadership Training Programme von GIDI und SCLA in Chengdu wird Herr Ugochukwu sein Wissen über Kultur und Mediation teilen. Wir haben ihn gebeten, einen Einblick in die Erfahrungen zu geben, die er vermitteln wird.
Herzlichen Glückwunsch zur Verleihung des Titels SAN, Herr Ugochukwu. Beginnen wir in der Region, die Sie am besten kennen: Können Sie uns zuallererst erzählen, wie Mediation in Afrika aussieht?
Godson Ugochukwu: Ich habe schon immer die Auffassung vertreten, dass Mediation in Afrika verwurzelt ist. Das ist eine Gemeinsamkeit von Afrika und China: ein gemeinschaftsorientierter Ansatz zur Konfliktlösung im Gegensatz zum westlichen Ansatz der individuellen Rechte. In afrikanischen Gemeinschaften werden die meisten Konflikte als Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesehen und nicht nur als Bedrohung für die betroffenen Einzelpersonen, sodass die Gemeinschaft stets zusammenarbeitet. Es ist ein Problem der gesamten Familie, und jedes Familienmitglied weiss: Wenn sie es nicht lösen, wird die restliche Gemeinschaft fragen: «Wie könnt ihr so etwas nicht lösen?»
Als der Handel im internationalen Massstab begann, folgte die Konfliktlösung demselben Konzept. Bei gegensätzlichen geschäftlichen Interessen innerhalb einer Grossfamilie wird der Mediator versuchen, Sie zu Zugeständnissen zu bewegen und um der Familie willen grössere Kompromisse einzugehen – es geht nicht unbedingt um Ihre Rechte oder gar um Ihre kommerziellen Interessen.
Das Schöne an der Mediation ist, dass sie eine von den Parteien erarbeitete Lösung darstellt, die bei guter Durchführung ein Win-Win-Ergebnis ist. Nicht, weil sie alles bekommen haben, wofür sie angetreten sind, sondern weil sie den Frieden gewonnen haben. Das ist das afrikanische Konzept der Mediation: den Frieden zu gewinnen.
Wie weit lässt sich dieser Ansatz konsequent sowohl auf familiäre Beziehungen als auch auf internationale Wirtschaftsbeziehungen anwenden?
GU: Der afrikanische Ansatz hat im Laufe des jahrelangen Austauschs mit anderen Kulturen seine ursprüngliche Form nicht vollständig bewahrt, was auch zu erwarten war. In diesem kulturellen Austausch nimmt die afrikanische Kultur die Schwächerenrolle ein. Afrikanische Länder sind in Bezug auf Wirtschaft und Regierungsführung in den meisten Fällen oft in einer schwierigen Lage – sie sind also keine starken Staaten. Daher richtet sich unser Fokus stets entweder auf den Westen oder auf den Osten – auf stärkere Kulturen. Heute verliert der Westen in Bezug auf Einfluss und Dominanz «Marktanteile» an China.
Aber im Grunde besteht eine natürliche Bereitschaft zur Versöhnung, um Beziehungen aufrechtzuerhalten und zu bewahren. Von allen Bereichen, in denen die afrikanische Kultur einer fremden Kultur weichen würde, wäre die Mediation der letzte. Im Gegenteil: Die westliche Praxis, die individuelle Rechte betont, scheint bei der Mediation eher von der afrikanischen Betonung fortbestehender Beziehungen zu lernen.
Im Kern bewahrt die Theorie der Mediation nach wie vor die afrikanische Praxis der Versöhnung und des Gewinnens des Friedens – im Gegensatz zum Gewinnen des Krieges.
Es wird oft gesagt, dass Afrika nicht ein einziges Land ist. Was sind die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Mediationskulturen der verschiedenen Länder Afrikas?
GU:Nigeria ist der perfekte Mikrokosmos für das, was hier im Hinblick auf interkulturelle Mediation geschehen kann: Nigeria umfasst über zweihundertfünfzig Volksgruppen und mehr als dreihundert verschiedene Sprachen. Stellen Sie sich Nigeria vor wie voller Länder, die so klein sind wie die baltischen Staaten Europas. Das führt zu vielfältigsten Verflechtungen.
In meiner Volksgruppe – den Igbo – stehen wir auf, um jemanden zu grüssen, und da das Alter in der afrikanischen Kultur allgemein für Respekt steht, erwartet man, dass die jüngere Person aufsteht und sagt: «Guten Morgen, Herr Godson». Wenn Sie jedoch der Volksgruppe der Yoruba angehören, müssen Sie sich auf den Boden werfen, um Guten Morgen zu sagen. Das Alter ist der gemeinsame Nenner; man muss dem Alter Respekt erweisen. Stellen Sie sich also eine Mediation vor mit einem siebzigjährigen Geschäftsführer eines Unternehmens, der Yoruba ist, und einem fünfundzwanzigjährigen Geschäftsführer eines anderen Unternehmens, der Igbo ist – da haben Sie ein perfektes Beispiel für einen kulturellen Konflikt in der Mediation.
Solche kulturellen Zusammenstösse können einen Streit verlängern. Ein Mediator hat daher die Pflicht, die kulturellen Nuancen und Unterschiede zu verstehen, die Fakten und die beteiligten Personen zu erfassen und die Fakten von den Personen zu trennen, um diese Win-Win-Lösung zu finden.
Übertragen Sie das auf ganz Afrika: In einigen Ländern dominieren Frauen, in anderen werden sie unterdrückt. Es kann zu einer Situation kommen, in der eine Seite der Meinung ist, dass eine Frau nicht mit einem Mann im selben Raum sein sollte, der Geschäftsführer der Gegenpartei jedoch eine Frau ist.
Wie lernt man die kulturellen Unterschiede kennen, auf die man als Mediator trifft?
GU: Ich habe ein natürliches Interesse an Menschen und Kulturen. Als Bibliophiler lese ich ausserdem sehr viel. Da die Kunst das Leben nachahmt, erhält man beim Lesen von Büchern aus China, Romanen aus Japan oder Werken aus den USA oder Afrika eine grundlegende und einfache Einführung in diese Kulturen.
Das Überwinden kultureller Barrieren beginnt für einen Mediator nicht erst mit dem zu mediierenden Konflikt und endet nicht danach. Ich empfehle, ein gesundes Interesse daran zu entwickeln, was in anderen Kulturen geschieht, die nicht die eigene sind.
Ich war eines Abends in Katar, als zufällig ein Kulturtag stattfand. Ich entdeckte, dass Männer am Flussufer standen, die Arme um die Schultern der anderen gelegt, und einen Kreis bildeten. Sie spielten Musik und tanzten, gingen alle gleichzeitig nach oben und wieder nach unten; hoch, runter, hoch, runter. Der erste Gedanke, der mir kam, war: «Was ist das für ein alberner Tanz?» Und während ich das dachte, wurde mir klar: «'Albern', weil du ihn nicht verstehst.» Auch sie würden den Tanz aus meiner Kultur als albern betrachten, weil sie ihn nicht verstehen. Sobald man versteht, was sie tun, beginnt man es zu geniessen.
Wenn Sie eine durchschnittliche chinesische Geschäfts-Person fragen: «Wie sehen Sie Afrika?» – welche Klischees haben sie im Kopf? Wie nehmen sie Afrika wahr? Und wenn Sie einen afrikanischen Kaufmann fragen: «Wie sehen Sie China?», stellen Sie fest, dass jeder seine eigenen Vorurteile im Kopf hat.
Wissen Sie, ich habe etwas gelernt, als ich eine Dokumentation über einen afroamerikanischen Mann sah, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, «Grand Wizards» der weissen Vorherrschaft aufzuspüren – die Anführer des Ku-Klux-Klans in den USA werden «Grand Wizards» genannt. Er suchte das Gespräch mit ihnen, setzte sich hin und fragte sie: «Glauben Sie wirklich, dass der schwarze Mann unter Ihnen steht? Und das alles?» Und sie wiederholten alle, woran sie glaubten, und der Mann sagte: «Aber wie können Sie mich hassen, wenn Sie mich gar nicht kennen? Sie hatten noch nie mit mir zu tun.» Und allmählich begannen diese Leute zu sagen: «Oh nein, nein, Sie sind anders; Sie sind nicht wie sie – Sie sind mein Freund.» Es dauerte nicht lange, bis er einige von ihnen dazu brachte, den Ku-Klux-Klan zu verlassen.
Eigentlich entstehen Vorurteile aus Unwissenheit. Wenn ich Tianze anschaue und sage: «Woher kommt Tianze? Er ist Chinese; oh, die Chinesen sind so.» Aber ich habe mich nie gefragt: «Habe ich überhaupt schon einmal einen Chinesen getroffen?» Einige von uns haben noch nie einen Chinesen oder einen Europäer getroffen, wir übernehmen einfach, was uns jemand anderes erzählt hat. Aber wie können Sie über mich urteilen? Wie können Sie mich hassen, wenn Sie mich nicht kennen? Deshalb muss der afrikanische Geschäftsmann mehr über China wissen. Und die chinesische Geschäfts-Person muss mehr über den afrikanischen Kontinent wissen.
Dann beginnt man zu erkennen, dass all die negativen, unwissenden Dinge, die man im Kopf glaubt, zu schwinden beginnen, weil man wahrscheinlich dieselbe Erfahrung macht wie ich, als ich die Männer zur Musik springen sah. Ich habe sie verurteilt, weil ich die Musik nicht verstand. Sobald man die Musik versteht, fängt man schon bald an, im Rhythmus der Musik mitzunicken.
Welche Rolle sehen Sie für die SCLA und das GIDI in Gegenwart und Zukunft?
GU: Ich engagiere mich sehr für beide Institutionen. Die SCLA und das GIDI sind für mich wie Missionare, die durch die Welt reisen, um die alternative Streitbeilegung (ADR) weltweit zu vertiefen und gleichberechtigte Beziehungen zwischen ADR-Praktikern auf der ganzen Welt zu schaffen.
In den Jahren, in denen ich Mitglied der SCLA bin, habe ich mir die Programme angesehen, die wir durchgeführt haben, und die Reichweite betrachtet, die wir durch unsere Veranstaltungen erzielt haben – wann immer ich also an die SCLA und das GIDI denke, denke ich an eine sehr grosse Sache, die im Bereich der ADR kurz vor dem Durchbruch steht.
Was wir in diesem Verband als Pioniere leisten, ist ziemlich einzigartig; die Art und Weise, wie wir vorgehen, ist anders. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die SCLA und das GIDI umspannen die verschiedenen Kontinente der Welt mit dem Ziel, China und seinen Unternehmergeist der Welt näherzubringen und die Welt nach China zu holen. Mir gefällt der Gedanke, dass verschiedene Kanzleien und Praxisgruppen in China eingeladen werden und wir unsere Veranstaltungen mit ihnen durchführen – das finde ich fantastisch, denn China ist ein riesiges Land, ein riesiger Markt. Wer die Augen vor dem verschliesst, was in China geschieht, wird früher oder später erkennen, dass er sich selbst einen grossen Bärendienst erwiesen hat. Die SCLA ist bestens aufgestellt, um verschiedenste Gruppen, Nationen und Kulturen an der Hand zu nehmen und sie zum grossen Nutzen aller Beteiligten mit China zu verbinden.
Das GIDI selbst wurde so positioniert, dass es damit beginnt, Konflikte mit China-Bezug aufzugreifen und in andere Kulturen einzubringen. Und wenn man sich die Struktur des GIDI und die Personen dahinter ansieht, erkennt man, dass die nötige Erfahrungstiefe und Expertise vorhanden sind. Ich sehe daher eine glanzvolle Zukunft für das GIDI und die SCLA und bin sehr glücklich und stolz auf beide Organisationen.
Was ist Ihre Botschaft an die heutigen und zukünftigen Teilnehmer unseres Ausbildungsprogramms in Chengdu?
GU: An diesem Versprechen müssen Sie festhalten: Das GIDI und die SCLA werden Ihre Praxis, Ihre Erfahrung und Ihre Expertise auf eine Weise vertiefen, die Sie nie für möglich gehalten hätten. Die SCLA und das GIDI öffnen Ihnen ein Fenster zur Welt. Deshalb kann ich nur sagen: Kommen Sie mit uns.
Vielen Dank! Wir freuen uns darauf, von Ihnen während des Ausbildungsprogramms vertiefte Einblicke zu all diesen Themen zu hören.
GU: Es war mir ein Vergnügen.
Wenn Ihnen diese Einblicke gefallen haben und Sie erfahren möchten, wie Sie am nächsten International Mediator Leadership Training Programme von GIDI und SCLA teilnehmen können, folgen Sie diesem Link.


