Was sich geändert hat
- Die EZB wählte 36 Einheiten für Pilotprüfungen aus, nachdem im April 2026 Vereinbarungen über technische Standards finalisiert worden waren.
- Es wird erwartet, dass die Debatten über das EU-Gesetzgebungsvorhaben in Brüssel bis Ende 2026 zu einem fertigen Gesetzestext führen werden.
- Die Architektur des digitalen Euro umfasst neben mobilen Anwendungen auch Optionen für Offline-Zahlungen sowie Kartenalternativen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) treibt die Entwicklung eines digitalen Euro aktiv voran, der als öffentliche, digitale Ergänzung zum physischen Bargeld im gesamten Euroraum dienen soll. In einem Interview, das am 23. September 2026 geführt und am 8. Oktober 2026 veröffentlicht wurde, erläuterte Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der EZB, die Kernziele, die technische Architektur, den Zeitplan und die strategischen Treiber hinter der Initiative für eine digitale Zentralbankwährung (CBDC).
Hintergrund und Begründung
Die Initiative für den digitalen Euro zielt darauf ab, europäischen Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen in einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft eine universell akzeptierte öffentliche Zahlungslösung zur Verfügung zu stellen. Gemäss von der EZB zitierten Eurobarometer-Daten liegt die Unterstützung für die Gemeinschaftswährung Euro bei über 80 %. Da sich die Zahlungsgewohnheiten der Verbraucher jedoch zunehmend auf mobile Geräte und elektronische Methoden verlagern, möchte die EZB sicherstellen, dass Zentralbankgeld der Öffentlichkeit neben physischen Banknoten auch in digitaler Form direkt zugänglich bleibt.
Die EZB betont, dass der digitale Euro Bargeld nicht ersetzen soll. Um dieses Engagement zu unterstreichen, entwickelt die EZB gleichzeitig eine neue Serie von Euro-Banknoten mit aktualisiertem Design und fortschrittlichen Fälschungsschutzmerkmalen. Wie das heutige Bargeld wird der digitale Euro für Privatpersonen kostenlos zur Verfügung stehen und eine hohe Sicherheit sowie Resilienz bieten.
Was die Regeln und die Gestaltung erfordern
Während in Brüssel Gesetzgebungsdebatten zur Schaffung des erforderlichen Rechtsrahmens für den digitalen Euro im Gange sind, hat die EZB die technischen und operationalen Vorbereitungen bereits vorangetrieben. Zu den wichtigsten von der EZB dargelegten Gestaltungsparametern und Anforderungen gehören:
1. Öffentliche digitale Alternative: Der digitale Euro wird als Anwendung auf Mobiltelefonen existieren — bereitgestellt von der EZB, Geschäftsbanken oder anderen Zahlungsdienstleistern — sowie als physische Karte für Personen, die keine Smartphones nutzen.
2. Verpflichtende Akzeptanz: Nach seiner Einführung muss der digitale Euro von jedem Händler im Euroraum akzeptiert werden, der digitale Zahlungen akzeptiert, sowohl im physischen Einzelhandel als auch online.
3. Offline-Zahlungsfunktion: Um die Resilienz bei Stromausfällen oder Internetstörungen zu gewährleisten, wird der digitale Euro Offline-Zahlungen unterstützen. Dies ermöglicht es, Geld ohne aktive Internetverbindung oder Zwischenhändler direkt von einem Gerät auf ein anderes zu übertragen, ähnlich wie physisches Bargeld in digitaler Form.
4. Gebührenreduzierung für Händler: Bestehende Kartenzahlungsnetzwerke (wie Visa und Mastercard) und private Dienste (wie PayPal) verlangen von Händlern oft hohe und undurchsichtige Abwicklungsgebühren. Allein in Italien sehen sich 570'000 Händler mit fast zwei Millionen Beschäftigten mit geringen Margen konfrontiert, die durch diese Kosten geschmälert werden, welche häufig an die Verbraucher weitergegeben werden. Der digitale Euro wird eine öffentliche Alternative bieten, welche die Kosten für die Akzeptanz von Zahlungen für kleine Händler halbieren könnte.
5. Integration mit privaten Lösungen: Europäische private Zahlungssysteme wie Satispay und Bancomat in Italien beteiligen sich an den Vorarbeiten der EZB. Das Regelwerk des digitalen Euro wird die Integration europäischer privater Zahlungslösungen ermöglichen und deren Nutzung im gesamten Euroraum erlauben.
6. Innovationsplattform: Neben der Kerninfrastruktur für Zahlungen entwickelt die EZB eine Innovationsplattform, die es Banken, privaten Unternehmen und Universitäten ermöglichen soll, fortschrittliche Finanzdienstleistungen auf der Grundlage des Rahmenwerks des digitalen Euro aufzubauen.
Umsetzung und Fortschritt des Pilotprojekts
Das Projekt des digitalen Euro durchläuft spezifische Test- und Gesetzgebungs-Meilensteine:
- Technische Standards: Im April 2026 unterzeichnete die EZB Vereinbarungen zur Festlegung technischer Standards für den digitalen Euro.
- Auswahl für das Pilotprojekt: Nach einem Aufruf zur Teilnahme, der im Mai 2026 fast 60 Bewerbungen einbrachte, wählte die EZB 36 Teilnehmer aus — darunter mehrere italienische Banken —, um an den Pilotprüfungen teilzunehmen.
- Gesetzlicher Rahmen: Die EU-Institutionen in Brüssel debattieren über den Rechtsrahmen, der für die Genehmigung der Währung erforderlich ist. Der Gesetzestext wird voraussichtlich bis Ende 2026 vorliegen.
- Zeitplan für Tests: Die Pilotaktivitäten wurden im Sommer 2026 gestartet, wobei erste praktische Tests im Jahr 2027 beginnen und die ersten Zahlungen innerhalb von 12 Monaten nach dem Start im Sommer 2026 erwartet werden. Eine vollständige Umsetzung könnte potenziell um 2029 erfolgen, abhängig von der rechtlichen und technischen Einsatzbereitschaft.
Strategische Autonomie und geopolitische Treiber
Geopolitische Ereignisse, einschliesslich der Invasion der Ukraine und der anschliessenden Konzentration auf die europäische strategische Autonomie, haben das Projekt beschleunigt. Während sich die ersten Autonomiebestrebungen auf Energieabhängigkeiten wie Erdgas konzentrierten, identifizierten europäische Entscheidungsträger kritische Schwachstellen in der digitalen Zahlungsinfrastruktur, die von aussereuropäischen privaten Anbietern dominiert wird. Der digitale Euro ist als unabhängige europäische digitale Zahlungsinfrastruktur konzipiert, die Resilienz für europäische Bürgerinnen und Bürger, Einlagen und den Handel gewährleistet, unabhängig von sich ändernden internationalen Rahmenbedingungen.
Häufig gestellte Fragen
F1: Wird der digitale Euro physisches Euro-Bargeld ersetzen?
Nein. Der digitale Euro wird Bargeld ergänzen und nicht ersetzen. Die EZB arbeitet aktiv an der Entwicklung einer neuen Serie von Euro-Banknoten mit neuem Design und aktualisierten Fälschungsschutzmerkmalen. Der digitale Euro wird Privatpersonen kostenlos angeboten, wodurch dasselbe Kostenlos-Prinzip wie beim physischen Bargeld gewahrt bleibt.
F2: Wie unterscheidet sich der digitale Euro von bestehenden digitalen Zahlungsmethoden wie Kreditkarten und PayPal?
Kommerzielle Kartensysteme und digitale Geldbörsen sind private Zahlungssysteme, die Händlern oft undurchsichtige und hohe Transaktionsgebühren belasten. Der digitale Euro ist eine öffentliche Zahlungsoption, die eine standardisierte, sichere Infrastruktur im gesamten Euroraum bietet. Für kleine Händler könnte die Akzeptanz des digitalen Euros die Bearbeitungskosten für digitale Zahlungen halbieren. Zudem bietet er direktes Zentralbankgeld anstelle von privatem, vermitteltem Geld.
F3: Wie wird der digitale Euro funktionieren, wenn jemand kein Smartphone oder keine Internetverbindung hat?
Für Personen ohne Smartphone wird eine Zahlungskarte bereitgestellt. Darüber hinaus umfasst der digitale Euro Offline-Zahlungsfunktionen, die bei Strom- oder Netzausfällen Übertragungen direkt zwischen Geräten ohne aktive Internetverbindung oder Zahlungsvermittler ermöglichen.
F4: Wie sieht der offizielle Zeitplan für Tests und die gesetzliche Genehmigung aus?
Der Gesetzgebungstext soll bis Ende 2026 in Brüssel vorliegen. Technische Standards wurden im April 2026 festgelegt, und im Mai 2026 wurden 36 Teilnehmer für das Pilotprojekt ausgewählt. Die Pilottests beginnen 2027, wobei die ersten Testzahlungen innerhalb von 12 Monaten nach dem Start des Pilotprojekts im Sommer 2026 erfolgen. Eine potenzielle breitere Einführung ist für etwa 2029 vorgesehen.
Wer betroffen sein kann
Einzelhändler, Geschäftsbanken, Zahlungsdienstleister, Verbraucher im Euroraum und internationale Kartensystembetreiber.
Grenzüberschreitender Kontext
Der digitale Euro schafft ein unabhängiges europäisches Zahlungsnetzwerk, das in allen Mitgliedstaaten des Euroraums funktionieren und die Abhängigkeit von aussereuropäischen Zahlungssystemen verringern soll.
Was als Nächstes zu prüfen ist
- Endgültige Veröffentlichung des Gesetzgebungstextes des Europäischen Parlaments und des Rates zum Rahmenwerk für den digitalen Euro bis Ende 2026 angestrebt.
- Ergebnis der EZB-Pilottests, die voraussichtlich 2027 beginnen werden.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Ziehen Sie den offiziellen Text zu Rate und holen Sie bei Bedarf eine auf Ihre Situation abgestimmte Beratung ein.